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Eine Brücke zwischen Berlin und Jerusalem

Heinrich Grüber 1891 - 1975

Erinnerung ist ein vielschichtiger Prozess, der von der Fähigkeit des Menschen zu historischem Denken herkommt. Je mehr ein Mensch an den denkwürdigen Ereignissen der Zeit teilhat, desto mehr entwickelt sich die Aufmerksamkeit für die Zusammenhänge. Es geht nicht nur darum, Gegenwart und die Vorstellung von Zukunft vor dem Hintergrund der Vergangenheit zu verstehen. Geschichtliches Denken ist die Begabung, ein Bild von Möglichkeit und Wirklichkeit zu erarbeiten. Das Geschichtsbewusstsein ist Ausdruck dieser Erkenntnis und insofern ist es möglich zu sagen, der Mensch braucht die Erinnerung, er braucht die Geschichte. Interessant ist der Ausspruch des römischen Philosophen und Politikers Cicero: „Historia magistra vitae“, Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens. – Wenn wir uns heute der Person Heinrich Grüber zuwenden, dann verbindet sich der Rückblick mit der Auszeichnung Grübers durch den Staat Israel im Jahr 1967. Es wurde ihm die außerordentliche Ehrung „Gerechter unter den Völkern“ durch Yad Vashem zuteil. Der Blick fällt auf einen Menschen, der eine Brücke zwischen Berlin und Jerusalem zu einer Zeit geschlagen hat, als dies den Einsatz des eigenen Lebens bedeutete. Er gehört zu den Men- schen, die sich aus ihrer Zeit abheben und doch ganz und gar in die Gesellschaft ihrer Zeit hineingehören. Das ausgehende Kaiserreich, – die Zeit in der er aufwuchs –, setzte Wertungen, die uns heute fremd anmuten. Die Deutschlandfrage wurde im Sinne der Autorität, die der Kaiser und die Monarchie darstellten, gedeutet und beantwortet. Dennoch ist sein Denken nicht ausschließ- lich davon geprägt. Seine Erziehung war christlich bestimmt im liberalen Kontext. Stolberg, der Ort seiner Her- kunft und die Umgebung, die wesentlich katholisch –, gab auch ihm als evangelischen Christen die Möglichkeit sich zu entfalten.

 

Grüber beschreibt seine Eindrücke in seinen Erinne- rungen ausführlich; es fällt auf, wie sehr ihn die Not auf sozialem Gebiet bedrückte. Das Vorbild Jesu, das Motiv der Barmherzigkeit, die Vision des Friedens sind ganz bestimmte Gaben, die ihn von Anfang an bewegten. Früh wandte er sich der eindrucks- vollen Persönlichkeit Albert Schweitzers und seiner Ideen zu. Erst am Ende seines Lebens kam es zu einer persönlichen Begegnung in seinem Spital in Lambarene, als er ihn zu seinem 90. Geburtstag 1965 besuchte. Das ist einer der großen Bögen, die sich in seinem überaus erfüllten Leben abzeichneten. Der diakonische Auftrag wurde zu einer tragenden Linie neben der Tatsache, dass er ihn dem Dienst am Evangelium nicht nur zuordnete vielmehr unterordnete. Von daher wählte er den Weg ins kirchliche Amt und übte es in vielen Bereichen aus. Von 1934 bis 1945 war er Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Kaulsdorf bei Berlin. Im Oktober 1933 hatte Pfarrer Martin Niemöller in Dahlem als Ausdruck des Protestes gegen die NS Kirchenpolitik den Pfarrernotbund geschaffen, aus dem 1934 die Bekennende Kirche hervorging. Heinrich Grüber über nahm schon bald eine führende Rolle und sammelte seine Gemeinde um das Bekenntnis. Zu dieser Entscheidung, die trotz der kirchlichen Bindung auch politische Konsequenzen hatte, brauchte man viel Mut. Mehr aber noch als sich der Staat offen gegen das Judentum wandte und eine der verheerendsten antijüdischen Gesetze erließ. Sie reichten bis in die innerste Struktur der Kirche hinein. Die „Rassengesetze“ griffen auch auf Pfarrer über, die eine jüdische Herkunft hatten. Der prinzipielle Charakter der Taufe hatte seine Bedeutung verloren. Mit der Gründung des „Büros Pfarrer Grüber“ 1938 in Berlin Mitte rief er eine der wenigen großen Hilfsaktionen der Kirche ins Leben. Es gab auch Retter und „stille Helfer“, die im Verborgenen wirkten. Das Besondere an diesem „Büro“ aber war, dass es allgemein bekannt war und auf diese Weise zur Hilfsbereitschaft auch anderer anregen sollte. Es war also möglich, Menschen vor dem sicheren Tod zu bewahren, das war Grübers Botschaft. Dennoch – mit Ausbruch des Krieges und der Verschärfung der ganzen politischen Lage in Deutschland, wurde auch Grüber die Arbeit aus den Händen gerissen und er bezahlte seinen segensreichen Dienst mit einer zweieinhalbjährigen KZ-Haft. Auch hier inmitten von Leid, Not und Tod gab er nicht auf. Er diente dem Herrn, in dessen Hände er sein Leben gelegt hatte, und gab ein lebendiges Zeugnis von seiner Gegenwart.

 

Bemerkenswert war das Jahr 1961 mit seinen bedeutenden Ereignissen. In Jerusalem wurde der Eichmann-Prozess eröffnet. Grüber wurde gebeten, in den Stand des Zeugen der An- klage zu treten. Er legte Rechenschaft über seine und die Arbeit des „Büros“ ab. Er erinnerte ebenso an denselben Herrn, der nicht nur Herr der Kirche ist und zeigte auf, dass Humanität als ein letzter Wert nicht aufgegeben werden darf. Von seinem Auftreten an diesem Ort und in dieser Stadt in einer Zeit, als es noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern gab, ging ein leuchtendes Zeichen nicht nur nach Deutschland hin aus, es bewegte vor allem die Menschen in Israel und nahm Einfluss auf die weitere Entwicklung der deutsch-israelischen Zusammenarbeit. Mit Martin Buber verband ihn eine enge Freundschaft, er lud ihn nach diesem überaus bewegenden Moment zu sich ein. Auf dem Kirchentag, der nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Berlin stattfand, berichtete er der evangelischen Jugend nicht nur aus Jerusalem und der erschreckenden Begegnung mit Eichmann, er fand auch einen Weg, seine Solidarität mit dem jungen und im Aufbau befindlichen Staat zu bekunden. Der Baum – Symbol für das Leben und das Gedeihen des Landes – beflügelte die Menschen so sehr, sodass auf seinen Aufruf hin nicht nur eine Vielzahl von Bäumen gepflanzt werden konnten. Ende Oktober 1961 begann der KKL (Jüdischer Nationalfonds) in der Umgebung von Jerusalem mit der Pflanzung eines ganzen Waldes. Es mussten noch weitere vier Jahre vergehen bis die letzten Hürden genommen werden konnten und die Verhandlungen Konrad Adenauers mit David Ben-Gurion ihr Ziel er- reichten. 1965 nahmen die beiden Staaten ihre diplomatischen Beziehungen auf. Die Gründung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft als Sympathieträger folgte ein Jahr später und entwickelte eine intensive und vielseitige Zusammenarbeit mit Israel. Angesichts der Geschichtsvergessenheit setzte man überzeugend seine Vision entgegen, die mit Grübers Worten eine bildhafte Sprache gebraucht: Ihr sitzt nicht zwischen zwei Stüh- len, ihr seid Brücke zwischen zwei Ufern. Brückendienst ist unsagbar schwerer Dienst. Wir sehen mit euch die Aufgabe darin, nicht nur eine Brücke zu werden, zwischen Israel und Kirche, zwischen Israel und Deutschland, sondern eine Brücke zu werden in einer Welt, die auseinander klappt, für die der 38. Breitengrad ein Faktum geworden ist. Gott wartet auf uns, und er hat uns nicht umsonst wachsen lassen im Lande des Elends.(*)

 

Grüber war sich dessen bewusst, dass sich Kirche nicht in die Enge des eigenen Raumes zurückziehen darf. Ihre Sendung sollte sich – und besonders in einer Zeit größter Herausforderungen – auf das Leben des Volkes und der Welt beziehen. Das Gebet wird dann die Mitte sein, aus der sie ihre Strahlkraft gewinnt. Im Vaterunser ist nicht alles gesagt, aber genug um zu wissen, was zu tun ist. Sprache ist Geisteskraft und Geist Gottes drückt sich in Sprache aus. Ein „Geist“, der sich nicht in vernünftiger Weise auszudrücken versteht, ist Illusion. Als Propst der Berlin-Brandenburgischen Kirche – in dieses Amt hatte ihn Bischof Dibelius 1945 eingesetzt – hatte er eine Fülle von Aufgaben und er übernahm darüber hinaus noch weitere, um dem Leben zu dienen. Die Berufung zum Bevollmächtigten der EKD bei der DDR-Regierung 1949 war ihm keine Last, im Gegenteil. „Brückenbauer“, Pontifex, wollte er sein. Auch wenn Brückenbauer nicht genehm sein können und auf Dinge verweisen, die mit Ansprüchen verbunden sind, sind sie in unserer zerrissenen Zeit ein Segen. Der Skepsis begegnete er ohne Misstrauen. Denn auf Vertrauen kam es ihm inmitten der Spannungen zwischen Ost und West an. Und dem Frieden hatte er sich verschrieben – angesichts der ständigen Bedrohung des Friedens in der Welt. Am 8. Mai 1970, – dem historischen Jahres- tag –, verlieh ihm der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz die Ehrenbürger würde der Stadt Berlin und unterstrich damit die bleibenden Verdienste Grübers für den Wiederaufbau der Stadt und des Landes. „Vernunft, Toleranz und Kompromissbereitschaft“ – das waren für ihn Schlüsselworte und Begriffe, durch welche sich Grüber – und seine tapfere Frau Margarete – unterschied und worin er stets seiner Zeit voraus war. Die Zeit stagniert, wenn es nicht Menschen gäbe, die mit Mut und Weitsicht ihre Stimme erheben würden. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“ Die Erschütterung des Krieges und sein Ausgang findet in der Geschichtswissenschaft ein nachhaltiges Echo so wie im Leben der Völker. Der Prophet Ezechiel verkündet Gottes Wort: „Siehe, ich gebe euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Er besingt das Werk des Geistes und blickt auf die Erneuerung der Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln hin. Die Demokratie ist eine Frucht dieser Arbeit. Sie ist die große Chance. Es gilt sie zu ergreifen.